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  • Der Verstand in der Sankhya Philosophie
  • Der Verstand in der Vedanta
  • Aum und Bewusstsein
  • Patanjali - der große Entdecker des Verstands
  • Gehirn und Überbewusstsein
  • Intelligenz und Überbewusstsein

Das Verhältnis zwischen Gehirn, Verstand und Bewusstsein oder dem Selbst im menschlichen Sein ist ein bedeutender Grundgedanke und wichtige Überlegung in den verschiedenen Systemen der indischen Philosophie. Zwei Hauptströmungen des indisch philosophischen Denkens, die Sankhya und die Vedanta, unternahmen extensive Untersuchungen, Experimente, spirituelle Erforschungen und letztlich rationelle Statements über das Thema des Verhältnisses von Verstand-Gehirn-Bewusstsein.

 Die physikalischen Wissenschaften von heute gehören zu dem Gebiet des Wissens, das versucht die verschiedenen Arten der Materie und Energie, wie Elektrizität, Magnetismus, Atomenergie usw. zu studieren, zu untersuchen und zu beherrschen. Vor Jahrhunderten entwickelten die Inder ein anderes Gebiet des Wissens, das versucht die verschiedenen mentalen und psychischen Kräfte und verschiedenen Ebenen des Bewusstseins mit geistigen Mitteln zu studieren, zu untersuchen und zu beherrschen. Dies ist die Wissenschaft des Raja-Yoga.

 Das Raja-Yoga, die Wissenschaft des Verstandes, ist eine schwierigere Wissenschaft als die physikalischen Wissenschaften. In der physikalischen Wissenschaft sammeln die Wissenschaftler Daten von Außen und erwerben Wissen. Im Raja-Yoga ist der Verstand das Objekt der Studien und der Untersuchende ist wiederum der beobachtende Verstand des Yogis. In dieser mentalen Welt, die in andauernden Bewegung und dauerndem Wechsel ist,  gibt es keine allgemein gültigen Daten. Man kann in einem Mikroskop etwas festhalten und für eine lange Zeit ein Dia betrachten oder einige Untersuchungsproben. In der mentalen Welt ist es extrem schwierig ein einziges mentales Bild auch für nur wenige Sekunden festzuhalten. Wie ist es dann möglich den Verstand zu studieren?

 Tief, tief innen ist das Atma, das ewige Selbst, das unveränderliche Eine, sagt die Vedanta. Die Wissenschaft des Raja-Yoga ladet uns ein, auf diesem Selbst zu stehen, der ewigen unveränderlichen Wirklichkeit in uns und dann den wirbelnden Fluss des Verstandes zu beobachten. Vivekananda sagt:

 „Wende den Verstand nach Innen und werde damit eins; und von diesem Punkt der Stabilität können die Kreisbewegungen des Verstandes beobachtet und Tatsachen entdeckt werden, die bei allen Leuten zu finden sind.“ 1

 Was macht man am Anfang, wenn es unmöglich ist auf dem Selbst zu stehen? Yoga Aphorismen des Pantanjali sagen, dass man versuchen kann, sich auf eine Gott-ähnliche Person zu konzentrieren oder Gottesverehrung zu praktizieren, zu beten, oder auf einer höheren intellektuellen Ebene zu stehen. Nachdem man sich auf diese Weise konzentriert hat oder sich auf einer höheren Ebene der Intelligenz (Buddhi) etabliert hat, kann man langsam die Kreisbewegungen des Verstandes betrachten, ihre tieferen in den Ebenen des Unbewussten verborgenen Ursachen erkennen und langsam diese Ursachen mit systematischen Praktiken der Konzentration und Aufdeckung aufstöbern. Vivekananda sagt:

 „Um den Verstand zu beherrschen musst du tief hinunter in das Unterbewusstsein gehen, alle verschiedenen Eindrücke, Gedanken usw. die dort gespeichert sind mit einer Ordnung klassifizieren,  arrangieren und sie kontrollieren. Das ist der erste Schritt. Durch die Kontrolle des Unterbewusstseins bekommst du die Kontrolle des Bewusstseins.“ 2

 Die Wissenschaft der psychischen Welt ist die schwierigste aller Wissenschaften. Deshalb haben wir in der Geschichte hunderte von Wissenschaftlern, Dichtern oder Künstlern gesehen aber nur eine handvoll von wahren Yogis wie Christus, Buddha, Krishna oder Shri Ramakrishna.

 

DER VERSTAND IN DER SANKHYA-PHILOSOPHIE

Die Sankhya-Philosophie, die älteste aller indisch philosophischen Systeme, gründet sich auf der abgestuften Evolution des Lebens und der Schöpfung. Es betrachtet viel haar-spalterisch das Verhältnis von Gehirn-Verstand-Bewusstsein. Nach der Sankhya wird alles, was wir sehen und wissen, durch die Kombination von zwei ewigen Faktoren erschaffen - durch Purusha (Seele) und Prakriti (Natur). Auf der individuellen und kosmischen Ebene ist alles aus dieser Kombination erschaffen worden. Was ist Purusha? Es ist die ultimative Ursache aller Veränderungen im Universum. Es ist weder Intelligenz, noch Wille, noch Ego, noch die Sinnesobjekte. Es ist die Ursache von all diesen, die die Prakriti, die Natur, bilden. Die Purusha ist die einzige sinnhaftige Wirklichkeit und der reine Zeuge, und wegen ihrer Gegenwart wird Prakriti aktiv, dynamisch und sinnhaft. Philosophisch gesagt ist Prakriti nicht die riesige Natur, der physikalische Körper oder die sinnengebundene Welt des materiellen Universums. Im wahrsten Sinn ist es der ultimative Grundzustand der Dinge, der die unmanifestierte Bedingung aller Wirkungen ist, ausgedrückt im Universum der Materie und des Lebens. Wenn das Universum zerstört wird geht es in diesen Grundzustand zurück, der Prakriti im wahren Sinn ist. Heutige Astrophysiker haben bewiesen, dass wenn ein Universum kollabiert mit dem Zusammenfall der Energie, es sich zu einem „Schwarzen Loch“ zusammenzieht, dann zu einem „Punkt der Singularität“ oder dem „Ereignishorizont“, aus dem Materie und Energie nicht entweichen können, wo Zeit und Raum aufhören, wo sie nur in ihrer ursächlichen Form existieren. Von diesem „Punkt der Singularität“ explodieren Schwarze Löcher wieder und die Schöpfung beginnt.

 Die erste Manifestation dieses unmanifestierten Prakriti ist „Mahat“, die universelle Intelligenz oder der universelle Verstand. Deshalb ist jeder Verstand in Verbindung mit jedem anderen Verstand oder der ganzen Welt. Deshalb können Gedanken von einem Verstand zum anderen kommunizieren, so wie Wasser von einer Gefäß zum anderen fließt. Deshalb sind Gedankenübertragungen möglich.  Wenn ein Gedanke im Verstand von jemandem geboren wird, manifestiert er sich in einem ähnlichen Verstand hunderte von Kilometern entfernt. Deshalb ist Telepathie oder mentale Kommunikation zwischen zwei ähnlichen Verstanden möglich.

 Vom Mahat kommt der Egoismus. Egoismus ist das erste Zeichen der Existenz des Individuums. Die erste Tatsache eines bewussten Wesens ist sein Gefühl von ´Ich bin`. Sogar ein Kind weiß, dass es ist. Es sagt, „ich bin.“ Dieser Egoismus ist der selbst-beweisende Prüfstein der eigenen Existenz.

 Vom Egoismus kommen die Sinnesorgane und der Verstand. Der Verstand, nach der Sankhya, ist nur ein Instrument wie die Augen oder Ohren für den ewigen Zeugen Purusha, um das Prakriti zu sehen, zu schaffen und sich daran zu erfreuen. Vivekananda sagt:

 „Wer ist der Sehende? Das Selbst des Menschen, das Purusha. Was sieht man? Die gesamte Natur, angefangen beim Verstand bis hinunter zur Materie. Alle Freuden und Leiden entstehen aus der Verbindung zwischen diesem Purusha und dem Verstand.“

 Der Sehende ist wirklich das Selbst, das alldurchdringende Bewusstsein. Und was sind seine Instrumente? Die Chitta oder der Stoff des Verstandes, die Buddhi oder eine bestimmte Fähigkeit, die Manas oder der Verstand, und die Indriyas oder Sinnesorgane. Das sind die Instrumente mit denen Er die äußere Welt sieht und die Identifikation des Selbst mit den Instrumenten wird Unwissenheit oder Egoismus genannt. Wir sagen „Ich bin ärgerlich“, oder „Ich bin glücklich“. Wie können wir ärgerlich sein und wie können wir glücklich sein? Wir sollten uns mit dem Selbst identifizieren, das sich nicht verändert.3 Identifizieren wir uns (unser Selbst oder Purusha) mit dem Prakriti oder dem Körper, und alle Veränderungen beginnen zu erscheinen.

 Egoismus erscheint in zwei Variationen: (1) Die inneren Sinnesorgane und der Verstand und (2) das tanmatras, die feineren Teilchen der Materie, die alle Elemente in verschiedenen Kombinationen herstellen. Diese tanmatras treffen auf die Rezeptoren unserer Sinnesorgane und verursachen Ereignisse. Deshalb, nach der Sankhya-Lehre, haben Materie und Verstand (Geist) den gleichen Ursprung. Deshalb ist Materie nur konkretisierter Verstand (Geist) und Verstand verfeinerte Materie. Vivekananda sagt:

 „Moderne Psychologen erzählen uns, dass die Augen nicht das Organ für Bilder sind, sondern  dass sich das Organ in einem der Nervenzentren des Gehirns befindet, und so ist es mit allen Sinnen; sie erzählen auch, dass diese Zentren aus dem gleichen Material wie das Hirn selbst geformt sind. Die Sankhya-Lehre erzählt uns das gleiche. Das erstere ist eine physikalische Erklärung, das zweite eine psychologische; nur sind beide das gleiche. 4  

 In der Sankhya ist Purusha unendlich und allgegenwärtig, aber in unbegrenzter Anzahl. Die Vedanta sagt, dass es keine zwei Unendlichkeiten geben kann. Deshalb ist Purusha und das Selbst nur eins. Es ist ein, ungeteiltes, alles durchdringendes Bewusstsein. In der Sankhya ist es Mahat, der kosmische Geist (Verstand) verbunden mit dem Ego, der Vermittler zwischen dem ewigen Zeugen Purusha und den Funktionen eines physischen Körpers eines individuellen Wesens.

 In der Vedanta und der Sankhya betrachtet man den Verstand als das sechste innere Organ, die fünf anderen sind die inneren Organe für Sehen, Riechen, Hören, Schmecken und Berühren. Der Verstand ist weit unter dem Selbst, das von Natur aus reines Bewusstsein ist. Der Verstand ist ein Objekt, das mit dem Selbst oder dem kosmischen Bewusstsein in einem Wesen erkannt und wahrgenommen wird.

 Wie werden Objekte von uns erkannt? Die Sankhya erklärt es folgendermaßen:

 Zuerst ist da ein Instrument wie die äußeren Sinnesorgane wie Auge und Ohr. Dann gibt es zugehörige innere Organe, die inneren Hirnzentren, die die Bild- und Klangeindrücke der Augen und Ohren erkennen. Diese Hirnzentren geben die Eindrücke an die Wahrnehmungsfähigkeit (Buddhi) weiter, die auf diese Eindrücke reagiert. Und diese Reaktion entstammt der Vorstellung des Egoismus in jedem von uns. Ein egoloser Heiliger, der im ewigen unveränderlichen Selbst ruht, reagiert nicht auf eine Beleidigung, aber ein gewöhnlicher Mensch reagiert darauf. Es ist das Ego das reagiert. Dann wird diese Mischung aus Aktion und Reaktion der Purusha, das wahre Selbst, präsentiert, das ein Objekt in dieser Mischung erkennt. Die Sinnesorgane (Indriyas) zusammen mit dem Verstand (Manas), der Wahrnehmungsfähigkeit (Buddhi) und dem Egoismus (Ahamkara) bilden die Gruppe Antahkarana (die inneren Instrumente). Dies alles aber sind verschiedene Vorgänge oder Wellen im Stoff des Verstandes, „Chitta“ genannt. Die Gedankenwellen in der Chitta oder im Geist werden Vrittis (literarisch: „Whirlpool) genannt. Die Wellen unzähliger Gedanken, Ideen und Emotionen erscheinen und verschwinden fortwährend in der Chitta oder im Geist wie Wellen auf einem See. 5 Vivekananda sagt:

 „Egoismus, Intelligenz und Verstand haben eine gemeinsame Basis, die Chitta oder der Geist aus dem sie alle hergestellt werden. Der Geist nimmt die Naturkräfte hinein und projiziert sie als Gedanken.“

 Was ist ein Gedanke? Nach Vivekananda ist ein Gedanke eine Kraft, so wie Gravitation oder ein Rückstoß. Aus dem unendlichen Energielager in der Natur nimmt das Instrument Chitta eine bestimmte Menge von Energie, absorbiert sie und sendet sie als Gedanke aus. Energie nehmen wir durch Nahrung auf, und durch die Nahrung erhält der Körper die Kraft für physikalische Bewegung usw. Die feineren, nicht physikalischen Kräfte, schlagen sich in das was wir Gedanken nennen nieder. 6

 Was ist die spezielle Aufgabe des Geistes des Menschen? Die einzige Spezialität ist, dass der menschliche Geist durch eine höhere Intelligenz oder Buddhi zum höchsten Zustand der Selbstverwirklichung geführt und geleitet werden kann, während bei Tieren das nicht möglich ist. Obwohl die Chitta oder der Geist auch in jedem Tier, vom kleinsten bis zum größten, vorhanden ist,  finden wir ihn nur im menschlichen Wesen als Intellekt wieder. Bis der Geist die Form des Intellekts annimmt ist es einem Wesen nicht möglich die Gedankenwellen zu kontrollieren und Emotionen, die die Psyche bestürmen, zu beruhigen und dadurch die Seele von der Sklaverei der Begierden zu befreien. „Für eine Kuh oder einen Hund ist sofortige Befreiung nicht möglich, obwohl sie Verstand haben, weil ihre Chitta noch nicht diese Gestalt annehmen kann, die wir mit Intellekt bezeichnen“, sagt Vivekananda. 7

 

DER VERSTAND IN DER VEDANTA

 Drg Drsya Viveka, eines der Juwele der Vedanta Philosophie, erklärt die vedische Vorstellung am Beispiel des Verhältnisses von Körper-Verstand-Bewusstsein:

 Dass der Verstand all diese Veränderungen unternimmt, ist bekannt. Wegen seiner wechselhaften Natur ist der Verstand ein Wahrnehmungsobjekt und das Bewusstsein der Wahrnehmende. Deshalb werden all diese Veränderungen vom Bewusstsein wahrgenommen. Das Bewusstsein nimmt all diese Zustände wahr, weil es eine Einheit ist.

 Nach der Meinung der Weisen ist die Identität des Nachdenkens (des Bewusstseins) und des Egos wie die Identität des Feuers mit der (erhitzten) Eisenkugel. Der Körper, der sich mit dem Ego identifiziert hat (das sich bereits selbst mit dem Nachdenken des Bewusstseins identifiziert hat), wird für eine bewusste Einheit gehalten.

 Im Zustand des Tiefschlafs, wenn das Ego verschwindet, wird sich der Körper auch unbewusst. Der Zustand, in dem sich das Ego halb manifestiert, wird der Traumzustand genannt und die ganze Manifestation des Egos ist der Wachzustand.

 Das innere Organ (der Verstand), das selbst nur eine Modifikation ist, die sich selbst mit der Reflektion des Bewusstseins identifiziert, hat (verschiedene) Vorstellungen im Traum. Und das gleiche innere Organ oder der Verstand (sich mit dem Körper identifizierend) stellt sich Objekte außerhalb von sich selbst im Wachzustand vor, die den Sinnesorganen erscheinen. ... Die äußere Realität ist das Gesehene, das Organ der Betrachtung der Sehende. Auch das Organ der Betrachtung ist das Gesehene, der Verstand ist der Sehende. Der Sehende ist nur eine Projektion des Verstandes oder der Intelligenz. Das Selbst darin ist der ewige Zeuge, der nicht gesehen werden kann. (Grg Drsya Viveka).

 Es ist ziemlich erstaunlich, dass diese vedische Vorstellung von der theoretischen wie auch von der experimentellen modernen Quantenphysik bestätigt wird. Die Everett-Wheeler Interpretation der Quantenmechanik erklärt das Paradoxe von Schrödingers Wellengleichung (bekannt als Schrödingers Katze) mit den Worten, die sich in den Worten der Drg Drsya Viveka exakt widerspiegeln. Die Welt der äußeren Wirklichkeit ist nach dieser Interpretation eine Beobachter-gemachte Wirklichkeit. Das Bewusstsein erschafft gemäß der Quantenphysik die äußere Wirklichkeit.

 

AUM UND DAS BEWUSSTSEIN

 Die Mandukya Upanishaden definieren vier Ebenen des Bewusstseins. Die Ebene, mit der wir arbeiten, uns bewegen, denken und agieren in unserem Wachzustand ist bekannt als ´Viswa` oder Bewusstsein des Wachzustandes. Vergleichbar dazu wird das Bewusstsein des Traumzustandes ´Taijas`genannt. Und die Bewusstseinsebene die in uns arbeitet, während wir im Zustand des  traumlosen Schlafs sind, bezeichnet man als ´Prajna`. Hinter diesen drei Bewusstseinsebenen liegt das reine Bewusstsein oder Suddha Chaitanya. Die drei Teile des AUM (OM), also A. U. und M., führt einen Suchenden in diese drei Bewusstseinsebenen, die des Wachzustandes, des Traumzustandes und des Zustandes des traumlosen Schlafs. Das reine Bewusstsein korrespondiert mit dem Zustand des ungestrichenen Klangs (Amatra oder Anahata Klang), den man in der Ruhe(-pause) nach der Wiederholung von AUM verspürt. Dieses reine Bewusstsein ist das Selbst oder Atman im Individuum. Und dieses individuelle Selbst oder Atman ist in der letzten Analyse eins mit dem Universellen Selbst oder Brahman, das der Natur nach das Universelle (ungeteilte) Bewusstsein (Akhand chit) ist. Shankaracharya erklärt in seinem vedischen Text ´Panchikarana` wie sich das OM zu diesen vier Bewusstseinsebenen verhält und wie die Wiederholung von OM einen dazu führt, das Reine Bewusstsein oder das Höhere-Bewusstsein zu erreichen.

 

PANTANJALI -DER GROSSE FORSCHER DES VERSTANDES

 Es war Pantanjali, der Yogi-Philosoph des alten Indiens, der den Verstand erklärte und mit ihm experimentierte in all seinen Verhältnissen zur Natur und dem Selbst. Es waren Pantanjalis Yoga-Aphorismen, die Wissenschaft systematischen Erringens der überbewussten Verstandesebene, die für den größten Beweis des Verhältnisses des Verstand-Hirn (Körper)-Bewusstseins stand. Swami Vivekananda, selbst ein hervorragender Lehrer der höchsten Form der Meditation und Philosoph höchsten Ranges, erklärte die Yoga-Aphorismen von Pantanjali in diesem modernen Zeitalter den Rationalisten der wissenschaftlichen Gemüter. Vivekananda folgte nicht einer strengen Philosophie um Pantanjali zu erklären. Er sprach von der Höhe seiner eigenen Erfahrung mit dem Höchsten Bewusstsein. Mit den Yoga-Aphorismen des Pantanjali erklärte er die Wahrheit des Verhältnisses von Verstand-Gehirn-Bewusstsein in seiner eigenen unnachahmlichen Art mit der nötigen Hilfe der Vedanta und Sankhya Philosophie. Diese Erklärungen, die er im Westen in den 1890ern auf beiden Seiten des Atlantik gab, wurden mit seinem Meisterwerk Raja Yoga aufgezeichnet.

 Wie kann dieser Verstand, der nur feinere Materie ist und der nur ein Instrument von Purusha ist, zur Verwirklichung des Höchsten Bewusstseins führen? Vivekananda erklärt dazu:

 Die Kräfte des Verstandes sind wie verstreute Strahlen; wenn sie konzentriert werden, erstrahlen sie. Das ist unsere alleinige Bedeutung von Wissen. 8

Und die Gedankenwellen auf dem See unseres Verstandes prägen diesen langsam, und andersrum prägen sie auch den Körper. Verstand ist nur feinerer Körper und Körper ist nur feinerer Verstand. Und Aktionen des Verstandes werden in erster Linie durch das Gehirn ausgeführt. Mit immer neueren Gedanken öffnen sich neue Kanäle im Hirn, die anfänglich den kommenden neuen Impulsen, Aktivierungen und neuen Nervenkanälen widerstehen. 9

 Die Kontrolle der andauernd erscheinenden und verschwindenden Gedankenwellen und Emotionen auf den See des Verstandes-Stoffes oder der Chitta ist das Hauptziel dieser Raja-Yoga.

 Die Chitta im Raja-Yoga, manifestiert sich selbst in folgenden Formen: zerstreut, verdunkelt, zusammengezogen, auf einen Punkt zeigend und konzentriert.

 Wenn der Verstand sich in der Dunkelheit von Dummheit und Unwissenheit befindet, ist er unter Tamas. Diesen Zustand findet man bei Gewalttätigen und Idioten. Sie handeln nur um zu verletzen und bleiben vernebelt in Desillusionen. Keine andere Vorstellung kommt in diesen Geisteszustand hinein. Das bedeutet Verdunkelt. Dann gibt es den aktiven Zustand des Verstandes, Rajas, dessen Hauptmotivation Kraft und Vergnügen ist und der sich selbst in intensiver Aktion ausdrückt. Das bedeutet Zerstreut. Dann gibt es den Zustand Sattva genannt. Das ist der Zustand der  Gelassenheit, der Ruhe, in dem die Ruhelosigkeit des Verstandes aufhört, und das Wasser des Verstandes-Sees ruhig und klar wird. Es ist nicht unaktiv, sondern ziemlich intensiv aktiv. Der Verstand erreicht dann den Zustand des „Zusammenziehens“ seiner ruhelosen hinausgehenden Tendenzen. Das ist die Manifestation der Kraft um ruhig zu sein. Im Zustand dieser Ruhe praktiziert der Verstand spirituelle Disziplin und erreicht Stück für Stück den Zustand, der auf einen Punkt gerichtet ist. Schließlich erreicht der Verstand nach diesem Zustand (auf einem Punkt) die letzte „Konzentration“, wenn er die Höchste Bewusstseinsebene erhält.

 Die „große Aufgabe“ der „praktischen Psychologie“ ist, „den ganzen Menschen wieder zu beleben, indem man aus ihm einen Meister von ihm selbst macht.“ 10 Wie wird man „Meister des Selbst“?

 Raja Yoga sagt uns, dass der Mensch seinen unbewussten Verstand, der ihn hilflos, ob er nun will oder nicht,  Handlungen machen lässt,  kontrollieren kann und soll. Jede unbewusste Handlung unseres Körper-Verstandes wird mit bewusstem Handeln so lange wiederholt, bis die Handlung automatisch wird. Im gleichen Prozess kann er die höchste Bewusstseinsebene durch die Wiederholung bewusster Handlungen und Praktiken erreichen, die helfen die höchste Bewusstseinsebene zu erhalten. Auf diese Weise kann der Mensch die feineren im Unbewussten verdeckten Ursachen analysieren, untersuchen, verstehen, mit ihnen kämpfen und sein eigenes Bewusstsein kontrollieren. Aus dem Zustand der Zerstreutheit sammelt sich langsam der Verstand und erreicht den Zustand höheren Bewusstseins. Jemand der seinen eigenen Verstand kontrollieren kann, kann auch jeden anderen kontrollieren, weil alle miteinander in Verbindung stehen.

 Dieser Prozess der Selbst-Meisterung kann beschleunigt und intensiviert werden. Das machten alle spirituellen Größen in der Vergangenheit.

 „Wir beschleunigen unser Wachstum, wir beschleunigen unsere Entwicklung und wir werden nur in diesem Leben vollkommen. Das ist der wichtigere Teil unseres Lebens und die Wissenschaft des Studiums des Verstandes und seiner Kräfte hat diese Vollkommenheit an ihrem wirklichen Ende,“ sagt Swami Vivekananda. 11

 Das Raja Yoga lehrt, dass der Verstand selbst einen höheren Zustand der Existenz jenseits von Ursache hat. Dies ist der Zustand höheren Bewusstseins. Wenn der Verstand diesen höheren Zustand halten kann, dann kommt hinter dem Nachdenken universales Wissen zum Menschen. Metaphysisches und transzendentes Wissen kommt zu diesem Menschen. Gerade so wie sich Instinkt zu Verstand entwickelt, so verwandelt sich Verstand  in transzendentes, höher-rationales Bewusstsein; deshalb ist keiner der Zustände unvereinbar mit einem anderen. Vivekananda sagt:

 „Wahre Inspiration steht niemals im Gegensatz zum Verstand, sondern vollbringt ihn. ... Kant bewies zweifellos, dass wir hinter die gewaltige (Todes-)Wand, genannt Verstand, nicht durchdringen können. Aber dies ist die erste Vorstellung auf der alles indisches Denken steht und versucht, etwas Höheres als den Verstand zu suchen und erfolgreich zu finden. 12

 Vivekananda interpretiert diese jahrhunderte alte indische Vorstellung der höheren Ebene des höchsten Bewusstseins, die alle Menschen erreichen können:

 „Der Verstand kann auf einer noch höheren Ebene existieren, der überbewussten Ebene. Wenn der Verstand diesen Zustand erreicht hat, der Samadhi - vollkommene Konzentration, Überbewusstsein - genannt wird, geht er hinter die Grenzen des Verstandes und sieht sich Tatsachen gegenüber die kein Instinkt oder Verstand je wissen kann. Alle Betätigungen der subtilen Körperkräfte, die verschiedenen Manifestationen des Prana, wenn sie geübt sind, stoßen den Verstand an, helfen ihm aufzusteigen und, von wo er auch handelt, überbewusst zu werden.“ 13

 Es ist die überbewusste Ebene, auf der man sich innen mit dem Selbst identifiziert fühlt, das auch das alles durchdringende Bewusstsein ist. Vivekananda erklärt:

 „Wenn es Glück bedeutet, das Bewusstsein dieses kleinen Körpers zu genießen, so muss es größeres Glück bedeuten, das Bewusstsein von zwei Körpern zu genießen, oder das wachsende Ausmaß des Glücks mit dem Bewusstsein einer wachsenden Zahl von Körpern, das Ziel, das höchste Glück, das man erreicht, wenn es zum universalen Bewusstsein wird.“ 14

 Als Shankaracharya auf der Höhe dieses universalen Bewusstseins, dem Selbst in sich, das von Natur aus reines ungeteiltes Bewusstsein ist, stand, sang er:

 „Ich bin weder der Verstand, noch der Intellekt, noch das Ego, noch der Verstandes-Stoff. Ich bin weder der Körper, noch die Veränderungen im Körper; ich bin weder der Hörsinn, der Geschmacksinn, der Geruchs- oder Sehsinn; ich bin weder Äther, noch Erde, Feuer oder Luft; ich bin vollkommene Existenz, vollkommenes Wissen, vollkommene Seeligkeit - ich bin Er, ich bin Er (Shivoham, shivoham)“.

 

VERSTAND UND ÜBER(SUPER-)BEWUSSTSEIN

 Warum kann der menschliche Verstand diesen höheren Zustand des Bewusstsein nicht länger halten? Es geht parallel mit fehlender Erfahrung und Wissen.

 Wenn wir zum Beispiel dächten, dass unser Verstand wie eine Nadel sei und die Hirnsubstanz ein weicher Brei davor, dann macht jeder gemachte Gedanke eine Strasse in das Gehirn wo er war und diese Strasse würde aufhören, aber für die graue Materie würde es eine Linie machen um ihn getrennt zu halten.

 Aber wenn ein neues Subjekt erscheint, müssen neue Kanäle gemacht werden, und es wird nicht gleich verstanden. Und deshalb verweigert sich das Gehirn (das Gehirn und nicht die Leute selbst) unbewusst, wenn es mit neuen Ideen bepackt wird. Es verweigert sich. ... Das ist das Geheimnis des Konservatismuses. 15

 Diese Unfähigkeit und dieser Widerstand des Verstandes neue Vorstellungen anzunehmen, resultiert in religiösem Fanatismus, den man aus dem Lauf der Geschichte kennt. Seit undenklicher Zeit behaupteten Propheten oder religiöse Führer, dass sie die „göttliche Botschaft“ von oben entweder durch eine Stimme, einen Gott oder eine Gottheit, einen Vogel, eine Kiste, einen Engel, durch einen brennenden Busch usw. gehört haben. Alle ihre Erfahrungen sind wahr. Aber oft vergaßen die Seher oder ihre Nachfolger zu erklären, dass all diese Botschaften von ihrer eigenen überbewussten Ebene ihres Verstandes kamen. Die äußeren Visionen usw. waren nur symbolisch.

 Wenn wir die Geschichte studieren, finden wir eine gemeinsame Tatsache bei allen großen Religionslehrern der Welt. Sie behaupten ihre Wahrheit von oben bekommen zu haben und viele von ihnen wissen nicht, von wo sie herkommt. ... Tatsache ist, dass diese verschiedenen Menschen, so wie es war, über diesen überbewussten Zustand stolperten. ... Was lehrt uns die Lehre des Yoga? Sie lehrt uns, dass sie mit der Behauptung recht hatten, dass all dies Wissen zu ihnen von außerhalb des Verstehens kam; aber es kam aus ihnen selbst. 16

 Solange es keine Erklärungen für diese überbewussten Erfahrungen gab, hingen leichtgläubige  Anhänger dieser Glaubensrichtungen starr an den Symbolen ihrer Propheten oder Sagen als die einzig wahren Symbole oder an den Büchern der Propheten als die einzig wahren Bücher von Gottes Botschaft. Dogmatismus macht sich breit und resultierte in blutigen Auseinandersetzungen der Anhänger verschiedener Glauben, von denen jeder an ein anderes Symbol und ein anderes Offenbarungsbuch glaubte. Der rationelle Teil der Religion entwickelte sich in den meisten Fällen nicht. Die Rationalisten fühlten sich deshalb von den Glaubensrichtungen, die den Verstand ausschlossen, frustriert. „Das Überbewusste“, sagt Vivekananda, „transzendiert den Verstand, aber bestreitet ihn nicht.“

 

INTELLIGENZ UND  ÜBERBEWUSSTSEIN

 In der Vedanta übernimmt die Intelligenz die führende Rolle bei der höheren Entwicklung des Verstandes (Buddhi). Der rechten Art der Intelligenz ist es zuzuschreiben, dass unser Verstand die überbewusste Ebene erreichen kann, transpersonelle Erfahrungen spürt, unendliches Wissen-Kraft-Absicht und Handeln freilassen und manifestieren, innere Erleuchtung erlangen und die Selbstbehauptung eines Buddha oder eines Christus erreichen kann. Wenn die Intelligenz eines Individuums sich an negativen und destruktiven Tendenzen orientiert, wie Wahnvorstellungen, Bindung, Trägheit, Drogenmissbrauch, Trunksucht oder andere zerstörerische Lebensweisen, macht sie trotz Reichtum und aller Bildung aus einem Prinzen einen Bettler und aus einem Heiligen einen Sünder.

 Deshalb wird den Kindern in Indien das Gayatri Mantra gelehrt, das sie wiederholen sollen - „Fördere unsere Intelligenz“ (Dhiya yo no prachodayat). Deshalb bittet Krishna Arjuna, der im Kampfgetümmel terrorisiert wurde, Zuflucht in der rechten Art der Intelligenz zu suchen, die seinen  schwirrenden und verwirrten Verstand in die richtige Richtung führen und zum Erfolg bringen wird. Der mächtige Krieger Arjuna folgte der höheren Intelligenz (Vernunft), die in ihm durch Krishnas Botschaft geweckt worden ist. Diese höhere Intelligenz lehrte ihn, dass das Ziel aller legitimen Handlungen nicht die Befriedigung der Sinnesobjekte ist, sondern das Erkennen des Selbst darin, das allein den Menschen immer aus den Wünschen und Anziehungen der Sinnesvergnügungen erhebt. Diese höhere Intelligenz führte Arjuna nicht nur zu weltlichem Erfolg, sondern auch zu wahrer Gottesverehrung.

 Die Katha-Upanishad erklärt die Selbst-Intelligenz und das Verstand-Körper-Verhältnis mit dem auffallenden Vergleich einer Kutsche:

Betrachte den Atman als den Besitzer der Kutsche, den Körper als die Kutsche,

die Intelligenz (Buddhi) als den Kutscher und den Verstand als die Zügel.

Die Sinne, sagen sie, sind die Pferde, die Objekte sind die Wege.

Der Weise nennt Atman - verbunden mit dem Körper,

den Sinnen, dem Verstand - den, der sich erfreut.


 Ein Mensch mit Scharfsinn für seinen Kutscher, und der die Zügel des Verstandes fest hält, erreicht das Endziel des Weges; und das ist die höchste Position Vishnus; das alldurchdringende Bewusstsein. (Upanishad I.iii.3,4,9)

 Wenn die Intelligenz durch Gottesverehrung, Gebete, Gottesdienst, spirituelle Praxis, Studium heiliger Schriften, durch die Gnade und Begleitung vollendeter Seelen gereinigt wird, wird auch der Verstand von allen negativen und selbstzerstörerischen Tendenzen gereinigt. Der reine Verstand widerspiegelt dann reine Intelligenz, die nur eine Spiegelung des Ewigen Selbst darin ist, das allwissend, allgegenwärtig, glückselig und ewig ist. Shri Ramakrishna sagte gewöhnlich:

Shuddhaman, Shuddhabuddhi, Shuddhaatman Ek

(Reiner Verstand, reine Intelligenz und reines Selbst sind eins)


1. The Complete Works of Swami Vivekananda, Bd.VI, S.31

2. Ebd. S.32

3. Ebd. Bd.I, S.238,248

4. Ebd., S.135

5. Raja Yoga: Swami Vivekananda, Advaita Ashram, Calcutta (1982), S.116-117

6. Ebd. S.116-117

7. Ebd. S.119